Startseite
    Eindrücke
    Bilder
  Archiv
  Gästebuch
  Kontakt
 


http://myblog.de/dominikinargentinien

Gratis bloggen bei
myblog.de





Stoiber strikes back

Zwei Posts infolge – ich hoffe, dass entschädigt für die lange Sendepause.

Am Wochenende konnte ich endlich in die Tiefen der argentinischen Kultur eindringen. Für einen Ausländer ist es oftmals nicht leicht zu verstehen, was in den Herzen der Argentiniern vorgeht, wenn sie von Heimat und eigener Kultur sprechen. Ist Argentinien doch eine alte Kultur, die unter anderem auf den Bräuchen der indigenen Bevölkerung basiert, den Huarpes, Pehuenches, Coyas und Guaraniis. Polychrome Zeitwahrnehmung anstelle der europäischen monochromen Zeit, das Leben in Einklang mit der Natur und die Wiedergeburt in Tiergestalt sind für jemanden, der im Geiste der europäischen Aufklärung nach Rousseau, Kant und Konsorten aufgewachsen ist, schwer vorstellbar.

Sonntag jedoch durfte ich einer Feierlichkeit bewohnen, die mir die ganze Bandbreite, die Tiefe und den Hintergrund der argentinischen Kultur offenbart hat: dem Oktoberfest! Richtig gelesen und auch richtig assoziiert – das klassische bayrische Oktoberfest. Die Einleitung ist natürlich Unfug, mir der argentinischen Kultur hat das ganze nur am Rande zu tun (das allerdings sehr unangenehm - mehr davon später). Das Oktoberfest als solches ist ja in der ganzen Welt bekannt – in vielen Ländern steht die bajuwarische Sauferei mit den albernen Hüten und den großen Bieren ja als Synonym für die deutsche Kultur. Als ob der edezentrisch-legasthenisch geführte Freistaat der einzige Exportkulturartikel sei. Nun gut, sei´s drum. Neben dem großen Oktoberbest in Córdoba (der zweitgrößten Stadt des Landes) gibt es auch in Buenos Aires eines, mit fast allen Zutaten, die zum Oktoberfest dazugehören: Trachten, Schuhplattler und, natürlich, Bier. Deutsches Bier sogar, allerdings kein bayrisches, sondern sauerländisches: Warsteiner. In der spanischen Übersetzung heißt die ganze Völlerei auch nicht Oktoberfest, sonder „Fiesta de la Cerveza", also Bierfest. Das gefällt mir – kurz, knapp, präzise und der Besucher weiß genau, auf was er sich einlässt. Kein um den heißen Brei Herumgerede wie bei wie vielen deutschen Festen, Frühlingsfest, Tanz in den Mai, Medici-Fest oder was auch immer. Der Name des argentinischen Oktoberfestes beschränkt sich wahrlich auf die Hauptintention, nicht mehr, nicht weniger.

Allerdings mutet die ganze Situation unheimlich skurril an. Da kommt man bei knapp 30° zu einem barrio, dass sich auch noch Deutscher Turnverein nennt und wird von netten jungen Frauen im Dirndl begrüßt, während man aus der Ferne die Schützenliesl hört. Ich habe es in Deutschland nicht ein einziges Mal zu dem gerade mal 600 km entfernten Oktoberfesten in München geschafft, aber hier, gute 13.000 km entfernt, besuche ich meine erste Wiesn.

Spaß gemacht hat es auf jeden Fall, aber trotzdem gab einen großen Wehrmutstropfen. Argentinien ist ein Einwanderungsland vor allem für Europäer - und auch die Deutschen sind in zwei Emigrationswellen hierher gekommen. Die erste Welle war Mitte des 19. Jahrhunderts, die zweite und problematische war in den späten 40ern und frühen 50ern des vergangenen Jahrhunderts. Argentinien war eines der wenigen Länder, das die alten Nazi-Schergen über die berüchtigte Rattenlinien aufgenommen hat. Diese haben hier ihre eigenen Vereine gegründet um das, was sie für pervertierte deutsche Kultur halten, weiter zu führen. Ich kann meine Hand nicht dafür ins Feuer legen, aber der Verein, der das Oktoberfest organisiert hat, muss wohl auch ein zwar nicht unbedingt faschistischer, aber immerhin nationalistischer Verein sein (was auch ein schwarz-weiß-rotes Banner belegte, was sie geflaggt hatten). Nun waren es ja nicht die einfachen Soldaten, die nach dem zweiten Weltkrieg vor der Justiz geflüchtet sind, sondern die Schergen, die wirklich verantwortlich waren. Wenn man dann alte, ca. 85-jährige, deutsch sprechende Männer sieht, die fröhlich ihr Bier trinken, kann man sich schon sicher sein, dass man es mit SS-Männern oder ähnlichem zu tun hat. Die Frage, die sich mir dabei stellte, war: was tun? Kann man das einfach ignorieren oder sollte man ihnen, trotz des Alters, wenigstens noch einmal für ihre abscheulichen Verbrechen, Bier ins Gesicht schütten oder ähnliches? Für mich eine unheimlich schwierige Frage, war ich doch bislang in meinem Leben davon ausgegangen, dass ich den Alt-Nazis nicht mehr begegnen würde. Letztlich hab ich es dann beim Ignorieren der gottseidank sehr wenigen Subjekten gelassen, wirklich wohl fühlte ich mich dabei allerdings nicht. Hätte ich mehr Zivilcourage zeigen müssen? Und wie hätte die aussehen sollen?

Wahrscheinlich ist das einzig Sinnvolle, was man tun kann, durch sein alltägliches Verhalten und in Gesprächen zu zeigen, dass der Großteil der Deutschen keine Faschisten mehr sind (bis auf ein paar unverbesserliche Vollidioten), sondern liberale (nicht parteiideologisch gemeint!) und friedfertige Menschen.

In diesem Sinne (dieses Mal etwas ernsthafter als sonst, aber das muss ja auch mal sein),

¡hasta luego!

Steak-Poll: 67

16.11.06 20:41
 


bisher 0 Kommentar(e)     TrackBack-URL

Name:
Email:
Website:
E-Mail bei weiteren Kommentaren
Informationen speichern (Cookie)



 Smileys einfügen



Verantwortlich für die Inhalte ist der Autor. Dein kostenloses Blog bei myblog.de! Datenschutzerklärung
Werbung